Karin und Gerhard Dammann sammeln Kunst von psychisch Kranken. Sammlung im Museum im Lagehaushttp://www.thurgauerzeitung.ch/aktuell/kultur/kultur/Leuchtender-Wahnsinn;art253649,3639602

 

Der Thurgauer Psychiater Gerhard Dammann und seine Frau Karin gehören zu den zehn wichtigsten europäischen Sammlern von Outsider Art. Im St. Galler Museum im Lagerhaus zeigen sie ihre exquisite internationale Sammlung.

CHRISTINA GENOVA

Gerhard Dammann kennt den Wahnsinn des Sammelns: «Ein Sammler ist jemand, der mehr kauft, als er hängen und sich leisten kann. Das stimmt für mich und meine Frau absolut.» Gerhard Dammann und seine Frau Karin sammeln Outsider Art – Kunst von Wahnsinnigen, von Geisteskranken, von Aussenseitern der Gesellschaft. Vom Sammelfieber gepackt wurde der junge Medizinstudent Gerhard Dammann während eines Praktikums bei der berühmten Outsider-Art-Sammlung des Psychiaters Hans Prinzhorn in Heidelberg. Später liess sich auch seine Frau Karin für Art brut begeistern, und seit 1995 sammeln sie gemeinsam.

Unterirdische Folterkammern

Zum ersten Mal ausgestellt haben die Dammanns ihre damals noch junge Sammlung 2006 in der Sammlung Prinzhorn. Heute gehört das Sammlerpaar laut eigenen Angaben zu den zehn wichtigsten Sammlern Europas. Im St. Galler Museum im Lagerhaus zeigen sie unter dem Titel «Wahnsinn sammeln» die rund hundert Neuzugänge der letzten sieben Jahre: «Für eine bestimmte Zeit sind wir die Hüter dieser Werke. Damit gehen wir auch die Verpflichtung ein, sie anderen zu zeigen», meint Gerhard Dammann. Die Ausstellung im Museum im Lagerhaus erlaubt einen spannenden Einblick in eine international ausgerichtete Sammlung. Nur drei der fast fünfzig in der Ausstellung vertretenen Künstler waren schon einmal in St. Gallen zu sehen. Zum ersten Mal überhaupt in einem Museum ausgestellt ist das «perverse Universum» Martin Erhards. Auf 58 Blättern zeichnete er den Verlauf einer Zuglinie, die in einen Bahnhof mündet. Dieser Oberwelt steht eine aus unterirdischen Folterkammern bestehende Unterwelt gegenüber.

Sammelnde Psychiater

Gerhard Dammann, der die Psychiatrische Klinik Münsterlingen und die Psychiatrischen Dienste Thurgau leitet, steht als sammelnder Psychiater in einer Tradition. Psychiater waren die ersten, die sich im 19. Jahrhundert für die Werke ihrer Patienten interessierten und sie sammelten – damals noch überwiegend aus diagnostischem Interesse. Heute spielt für Gerhard Dammann dieser Aspekt kaum eine Rolle. Outsider Art ist für ihn «die leuchtende Seite der Psychiatrie», ist doch sein Berufsalltag häufig bedrückend genug. Doch sucht er durch gezielte Ankäufe die Verbindung zur Sammlungstradition von Psychiatern. Mittlerweile bilden historische Werke einen Schwerpunkt. Besonders viel bedeuten den Dammanns jene Werke, die aus der Originalsammlung Prinzhorn stammen. Fünf der fünfzehn Arbeiten, die jene Sammlung jemals verlassen konnten, sind in ihrem Besitze. Darunter sind drei Arbeiten von Else Blankenhorn, die im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen entstanden sind. Ernst Ludwig Kirchner, der sich dort zur selben Zeit wie Else Blankenhorn aufhielt, war derart von ihren expressiven Werken fasziniert, dass er seinen Malstil änderte.

Für die Dammanns zählt die Qualität, nicht die Quantität. Die Sammlung enthält deshalb viele exquisite Einzelstücke, aber auch Werke von Stars der Szene wie August Walla gehören dazu. In der Ausstellung findet man zum Beispiel sein grandioses Teufelsgemälde und den «Zauberschlüssel der Ewigkeit»», den Walla aus dem Blech eines Olivenölkanisters geschnitten hat. Letzterer ist typisch für die Sammlungsstrategie der Dammanns, denn August Walla hat nur selten Objekte hergestellt.

Biennale-Künstlerin

Immer wieder bewiesen die Dammanns einen guten Instinkt. Sie gehörten zu den ersten Sammlern, die ein Werk der chinesischen Künstlerin Guo Fengyi erworben haben, die an der diesjährigen Biennale von Venedig ausgestellt hat. Auch James Edward Deeds war bereits in der Sammlung vertreten, bevor er durch eine Ausstellung in der Collection de l’Art Brut in Lausanne «geadelt» worden ist. Es werden nicht die letzten Entdeckungen der Dammanns gewesen sein; denn um mit den Worten von Gerhard Dammann zu enden: «Sammeln ist eine Leidenschaft. Das schönste Werk ist immer das, was man nicht hat.»

bis 2.3.2014, Katalog 34.–