Karin und Gerhard Dammann

Fasziniert von der dunklen Seite der Psyche

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Der Thurgauer Chefpsychiater und seine Frau lieben die Kunst von Aussenseitern – und besitzen eine ­bedeutende Sammlung. Sie ist die ­Archivarin, er der ­Spürhund.

von Melissa Müller

Der Thurgauer Psychiater Gerhard Dammann beschäftigt sich nicht nur beruflich mit Abgründigem. In seinem Daheim in Tägerwilen hat er sich den Teufel an die Wand gehängt. Das Gemälde, das derzeit im Museum im Lagerhaus in St. Gallen ausgestellt ist, zeigt einen feuerroten Luzifer mit erigiertem Glied, der seine lange, spitze Zunge ausstreckt. «Ein echter Walla», sagt Gerhard Dammann.

Der Österreicher August Walla (1936-2001) schuf einen Bilderkosmos aus Göttern und Teufeln. Er bemalte Bäume, Strassen und Sperrgut. Walla, der unter Psychosen litt, lebte in Armut mit seiner Mutter. Heute sind manche seiner Bilder mehrere hunderttausend Franken wert.

«Kunst der Geisteskranken»

Gerhard Dammann besitzt mehrere Wallas. Zusammen mit seiner Frau Karin hat er über die Jahre eine hochkarätige Sammlung sogenannter Outsider Art zusammengetragen. Jenes ­Genre also, das früher «Kunst der Geisteskranken» genannt wurde. ­100 Neuerwerbungen der Sammlung sind derzeit im Museum im ­Lagerhaus zu sehen, unter dem Titel «Wahnsinn sammeln».

Gemalt aus Zigarettenasche

Karin und Gerhard Dammann haben ihre ganze Wohnung mit Outsider Art eingerichtet. Ihren vier Töchtern haben sie schon früh eingeschärft, die kostbaren Stücke nicht mit Schokolade­fingern zu bekleckern. Das Paar weiss über jedes Bild eine packende, oftmals traurige Geschichte zu erzählen. Denn es sind Werke, die aus innerer Not entstanden sind, zum Teil gemalt aus Zigarettenasche und Rotwein. Wie jene des Italieners Davide Raggio (1928-2002). «Er war ein echter Psychiatriepatient. Ein fragiler Mensch», sagt Dammann. Der Genuese überlebte ein Gefangenenlager im Zweiten Weltkrieg, wovon er sich seelisch aber nie erholte. Er erklärte, er gehöre nicht mehr zum Reich der Menschen, sondern zum Reich der Tiere. Raggio, der sich in den Wald zurückzog, gestaltete Bilder aus Pflanzen, Samen und verbranntem Holz.

Die Dammanns sprechen über ihn, als wäre er ein Freund – voller Sympathie und Bewunderung. «Raggio schuf seine Kunst aus dem Nichts heraus», sagt Karin Dammann. «Ohne Zugang zu Bildung und guten Malutensilien.» Die 48jährige Unternehmens­beraterin kümmert sich um die Konservierung dieses vergänglichen Schaffens und archiviert die Sammlung.

Eine Nase für Qualität

Währenddessen hält ihr Mann nach Entdeckungen Ausschau. «Ich bin der Spürhund, der einer Fährte folgt», sagt Gerhard Dammann. Das Paar kauft nichts, was man angeblich «haben muss», sondern verlässt sich auf den persönlichen Geschmack und Instinkt. Die Dammanns beweisen dabei immer wieder eine gute Nase: Sie gehören zu den ersten, die eine Arbeit der Chinesin Guo Fengyi erwarben. Später wurde ihr Werk an der Biennale in Venedig ausgestellt.

Outsider Art gilt noch immer als Nische und kostet oft nur ­einen Bruchteil im Vergleich zu «normaler» Kunst. Etliche Werke seien für wenige hundert Euro zu haben, sagt Dammann. Andere Sammler kaufen bei den Künstlern direkt ein – was problematisch sein kann, da manche Aussenseiter den Wert ihrer Werke nicht einschätzen können. Dammanns, die Wert auf ein faires Vorgehen legen, erwerben ihre Bilder in Galerien und aus Nachlässen. Auch bei Ebay sind sie schon fündig geworden.

Starke Triebe

Heute ist Outsider Art eine anerkannte Kunstform, doch das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert begannen Psychiater die Bilder ihrer Patienten zu sammeln – aus medizinischem Interesse. Der Thurgauer Psychiater Gerhard Dammann tut es aus Freude an der Kunst.

In seinem Chefbüro in der Klinik Münsterlingen behandelt er Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen. Die Patienten werden auch in einem «Offenen Atelier» in ihrem kreativen Ausdruck gefördert. Ende 2014 ist ­eine Ausstellung geplant. «Ich ­habe einmal ein kleines Objekt einer Patientin bei einer Ausstellung erworben», sagt Dammann. Im Prinzip trenne er aber seine Funktion in der Klinik und seine persönliche Sammelleidenschaft.

Der 50-Jährige hat sich auch als Autor einen Namen gemacht; mit seinem Sachbuch «Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage». Obwohl ihn sein Chefposten stark beansprucht, nimmt er sich Zeit für persön­liche Führungen durch die Ausstellung. Auch das Teufelsbild von Walla ist Teil der Schau – zusammen mit weiteren Darstel­lungen Luzifers. Das elegante Paar ist ­fasziniert von der dunklen Seite der Psyche, vom Schrägen und Unheimlichen. «Sex, Krieg, Hass – das sind die stärksten Antriebe des Menschen», sagt Gerhard Dammann.

Zur Person
Gerhard Dammann

Gerhard Dammann, geboren 1963 in Oran/Algerien, studierte Medizin, Psychologie und Soziologie in Tübingen, Paris, Basel und Frankfurt am Main. Er ist Chefarzt und Spitaldirektor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen und der Psychiatrischen Dienste Thurgau. Dort beschäftigt er sich klinisch sowie ­wissenschaftlich mit der Diagnostik und Behandlung von schweren Persönlichkeitsstörungen. Gerhard Dammann ist verheiratet und hat vier Töchter. In der Kunstszene ist er mit seiner Frau aufgrund ihrer Art-brut-Sammlung bekannt.

Führung durch die Ausstellung «Wahnsinn sammeln» mit Karin und Gerhard Dammann: Di, 4. Februar, 18 Uhr.